Ich war sechs. Meine Grundschule war etwa 500 Meter von meinem Zuhause entfernt. Nach ein paar Wochen durfte ich alleine nach Hause gehen. Mama hat oft den Weg entlang geschaut bis ich an der Schule war oder wieder auf dem Weg zurück. In meiner Klasse war B. B war ein Draufgänger, wenn man das in dem Alter schon so nennen darf. B saß neben mir. Ich mochte ihn nicht sonderlich oder vielleicht doch und wusste es nicht. Das einzige, was uns aus meiner Sicht verband, war der Kampf darum, wer mehr Einsen geschrieben hat. Jeden Morgen gab er mir einen Kuss auf die Wange. Ich hab es gehasst. Ich glaub, er mochte mich. Wir hatten den gleichen Nachhauseweg. Er auf der linken Straßenseite. Ich ging auf der rechten. Ich bin oft nach der Stunde noch zur Toilette gegangen, weil ich gehofft habe, dass er schon losgelaufen ist. Obwohl ich große Angst hatte im Gebäude eingeschlossen zu werden. Ich hatte vor allem Angst als ich klein war.
B wartete immer an der Ampel. Und egal, ob ich schneller oder langsamer ging. Er war immer wieder mein Spiegel auf der anderen Seite. Ich erzählte beim Mittag meiner Mama davon. Ich fühlte mich sichtlich unwohl, keine Ahnung, wie ich damit umgehen sollte. Ist es etwas Gutes, darf das nicht so sein? Ich wusste nicht, wie ich das einordnen sollte. Meine Mama lachte laut und sang: Carina ist verliebt, Carina und B. Das Horrorszenario wiederholte sich regelmäßig. Ich fühlte mich noch unwohler. Es ist etwas schlechtes stellte ich fest. Ich hab ihr danach jahrelang nicht erzählt, wenn sich jemand für mich interessierte. Aus Angst diese Peinlichkeit zu wiederholen.
Zwei Jahre später bringt meine Mama mich zum Unterricht an der Kirche. Guck mal, B ist auch schon da und er winkt als wir vorbei fahren. Ich drehe meinen Kopf demonstrativ in die andere Richtung. Ich will mit ihm immer noch nichts zu tun haben. Tue, als wenn ich ihn nicht sehen würde. Meine Mama erzählt das Jahre später noch ihren Freundinnen und wieder lacht sie so seltsam. Warum macht sie sich auf meine Kosten lustig? Wo ist die Unterstützung, die andere bekommen? Wo ist das Lob? Die Anerkennung für die guten Noten? Andere haben was zusammen unternommen. Für mich gab es 5 DM für eine eins.
B hat dich zum Geburtstag eingeladen jubelt meine Mama. Und wieder dieses Lachen. In meinem Kopf schallt immer noch: B und Carina. Es ist etwas Schlechtes denke ich. Ich höre ihr hysterisches Lachen in meinem Kopf noch einmal. Ich schließe die Augen. Ich gehe da nicht hin, sage ich. Gut, dann müssen wir kein Geschenk kaufen, sagt meine Mama erleichtert. Auf dem Geburtstag haben alle Spass und reden Tage später noch darüber. Ich fühle mich zum ersten Mal wie ein Außenseiter.
Eine Freundin feiert Geburtstag. B ist auch da. B küsst jetzt das Geburtstagskind und die Eltern sind ganz begeistert und halten die Kamera drauf. Ich verstehe das übertriebene Interesse nicht. Alle freuen sich für die Beiden. Ich dachte, dass das nicht gut ist. Aber zumindest ist es ab jetzt Anna und B.
Ich bin 15 oder 16. Komm mit raus, sagt H. Wir haben den ganzen Abend getanzt. Es ist eine unserer legendären Volleyball Partys. Alle sind wieder dabei. Meine Freundin und H's Freund habe ich schon eine ganze Weile nicht gesehen 🤔 aber irgendwie scheint das auch für ihre Eltern okay zu sein. Die kümmern sich lediglich darum, dass der Abend feuchtfröhlich bleibt. Er legt seine Hände auf meine Hüften. Lass uns rausgehen, schreit er mir ins Ohr. Draussen ist Herbst. Heute ist kein schönes Wetter. Nein, das ist kalt, antworte ich und frage mich im gleichen Moment, was er draussen will. Ich werde es wohl nie erfahren. Zwei Stunden später ist er mit einer anderen Freundin verschwunden. Gerüchte darüber gibt es viele. Jahrelang schaue ich den On-Off-Sachen meiner Freundinnen zu. Bei mir bleibt es still.
Wenn du magst, kannst du heute Abend vorbei kommen. Ich würde gerne mit dir reden. Hab mich von meiner Freundin getrennt. Mir geht's nicht so gut. - okay, antworte ich. Oh lala, schallt es aus der anderen Ecke des Büros und da ist es wieder. Dieses komische Lachen. In mir holt es das unwohle Gefühl von damals wieder. Ich fahre Abends zu ihm. Es gibt Pizza. Er sitzt auf dem Bett. Ich hab mich auf einen Stuhl verkrümelt. Die Distanz beruhigt mich. Ich weiss nicht, was er sagt, aber es geht nicht um die Ex.
A bringt mich nach dem Training jeden Abend nach Hause. Wir stehen oft vor meiner Tür und reden. Er muss noch paar Straßen weiter. Er trainiert die Jungenmannschaft. Ich hab die Mädels. Wir vertreten uns gegenseitig und lassen unsere Teams regelmäßig im Training gegeneinander antreten. Lust morgen Abend mit feiern zu kommen? Fragt er. Klar, sage ich. Der ist doch jünger als du, höre ich meine Mama kritisieren als ich reinkomme. Sie hat uns am Fenster beobachtet. Ich kann offenbar nie etwas richtig machen. Und während andere Eltern ihre Kinder ermutigen Spass zu haben und Dinge zu erleben und darüber offen sprechen, erlebe ich immer mehr eine Leere und das Gefühl, dass es falsch ist zu fühlen, was ich fühle. A und ich sind am nächsten Abend feiern gefahren, er hat den ganzen Abend bezahlt. Ich saß auf seinem Schoß als kein weiterer Platz frei war. Mehr war da nicht. Ich bin von da an alleine vom Training nach Hause gefahren.
Ich sitze bei P im Auto. Wir reden seit einer Stunde. Ich wollte meinen Freund abholen und vertröste ihn immer wieder. P ist sein bester Freund. Er erzählt mir, wie mein Freund über mich redet, wenn ich nicht dabei bin. Ich bin angeekelt. Es fallen immer wieder Wörter wie Alte und dass ich nur nerve. Am nächsten Morgen ruft die Mum meines Freundes an und sagt ich soll ihn verlassen. Sowas hätte ich nicht verdient. Ich hab keine Ahnung mehr, was er sich dieses Mal geleistet hatte. Ich schaue auf den PC. Irgendwas ist heute komisch. Seit ein paar Tagen flackert ständig der Bildschirm. Ich schreibe seit ein paar Tagen mit P. Er erzählt mir viele Dinge über meinen Freund, die mich zunehmend schockieren. Der besagte Freund kommt erst früh morgens nach Hause. Er ist wieder vollkommen zugedröhnt. War die ganze Nacht mit seinem Kumpel kiffen. Das macht er fast immer. Ich sehe ihn kaum noch. Die ganze Kohle ist verraucht. Unser Leben wird durch mich finanziert. Ich esse seit Wochen trockenes Brot und trinke Leitungswasser. Wir sind jeden Sonntag bei seiner Family zum essen eingeladen. Meist kommt er gar nicht aus dem Bett. Ich fahre da oft alleine hin. Vor paar Wochen haben er und sein Kumpel sich mit der Polizei ne Verfolgungsjagd in der Innenstadt geleistet. Seitdem ist auch der Führerschein Geschichte. Ich höre, wie es im Wohnzimmer poltert. Ich stehe auf um nachzusehen. Es läuft laut Dreckstück von Bushido. Er hat die Stühle umgeworfen und betitelt mich als Schlampe. Ich hab keine Ahnung, was los ist. Er greift sich ein Küchenmesser, brüllt ich stech den Bastard ab und verlässt die Wohnung. Ich schaue auf den PC und drehe die Musik leiser. Auf dem Desktop sind 100te Screenshots meiner Unterhaltung mit P. Er hat mich die letzten Tag überwacht und jetzt weiss ich auch, wo er hin will.
Ich hab die letzten Sachen meines Ex Freundes bei seiner Mum abgeliefert. Es tut mir leid, sagt sie. Ich nicke und gehe. P kommt gleich vorbei. Ich weiss gerade nicht, wie ich weitermachen soll. Das kriegen wir hin, sagt er. Wenn du nicht alleine schlafen willst, kann ich hier bleiben. Ich schüttele mit dem Kopf. Ich will alleine sein. Er ist die nächsten Abende immer wieder da. Wir zocken oder reden über Gott und die Welt. Er bleibt meist doch die ganze Nacht. Eines Abends versucht er mich zu küssen und schlage ihn mit meinem Ellenbogen vom Sofa. Ich starre ihn ganz entsetzt an. Ich wüsste zu gerne, was du jetzt denkst, sagt er und verschwindet dann auf den Balkon zum rauchen. Diese Nacht bleibt er nicht. Auf einmal gibt es Sarah und wir sehen uns immer seltener. Sarah ist das Gegenteil von mir. Sie ist wasserstoffblond gefärbt. Keine vernünftige Schulbildung. Er sagt Sarah grunzt beim Lachen. Ich kenne sie über Bekannte. Sie hat nicht den besten Ruf. Als er heute geht, sagt er: er ist jetzt mit Sarah zusammen. Ich zucke mit den Schultern und lasse den Kopf hängen. Er hebt mein Kinn hoch: wenn du nicht so abweisend wärst, gäbe es Sarah nicht. Du bist so viel besser als sie. Das war das letzte Mal, dass wir uns gesehen haben.
Du machst einen Schritt nach Vorne und drei zurück schreibt A. Ich bin enttäuscht. Ich dachte dieses Mal habe ich es besser gemacht. Wir haben uns vor Wochen gesehen. Er ist jetzt wieder in Berlin. Ich hatte das Gefühl, dass du kein Interesse hast, tippt er. Ich hab genau das Gegengeil empfunden. Ich bin mittlerweile so gut meine Gefühle zu unterdrücken, damit mich niemand dafür judged. A schreibt: warum hast du nicht gesagt, dass du mich wiedersehen willst? Dass du mich willst? Ich weiss darauf nicht zu antworten und schließe den Chat. Ich hab zwei lange Beziehungen hinter mir. Das ist der erste Mann, der irgendwas in mir auslöst und ich weiss nicht, wie ich damit umgehen soll.
Alle lachen laut, ich lächele. Alle schreien, quietschen und feuern das Team an, ich klatsche. Alle weinen und drücken ihr Bedauern aus, ich zucke mit den Schultern. Ich hab das Gefühl als sehe ich die ganze Welt nur noch durch einen unscharfen Filter. Ich bin abgestumpft. Zu mir kommt keiner mehr durch. Das hysterische Lachen stirbt. Jetzt ist es vorbei und ich kann zum ersten Mal wieder durchatmen. Keine Depression, die mich runter zieht. Kein Mensch, der mit seinem Leben so unzufrieden ist, dass er den anderen auch kein gutes Leben gönnt.
K bringt mir das Fühlen wieder bei. Der hat hollywoodreife Abschiedszenen. Ich bin tagelang high von ihm nach den Treffen. Noch nie hat jemand so viel Glück in mich reingepumpt. Aber als er mir sagt: ich solle irgendwas nettes zu ihm sagen, verstumme ich. Der ist so hübsch schwärmen die Kolleginnen. Ich gucke auf auf sein Foto. Standard, denke ich. Warum sind die denn so Feuer und Flamme?! Mach dir den klar, sagen sie. Ja, mach dir den klar! Aber wie denn? Wir treffen uns ein dreiviertel Jahr. Dann ist es vorbei. Ich hab da gar nichts klar gekriegt. Ich hab rausgefunden, dass er offenbar nicht nur mich interessant fand. Ich hab keine Ahnung, wie oft er mich betrogen hat.
Ich lerne kurze Zeit später T kennen. Er wirkt anders als die anderen. Als wenn er wüsste, was er will. Nachdem wir Nummern getauscht haben, ist das Profil bei Lovoo gelöscht. Er braucht das nicht. Er will mich ja kennenlernen. Eine Woche später machen wir nen Tagesausflug. Drei Wochen später sind wir im Urlaub. Er gibt sich richtig Mühe, zeigt mir viel. Er kennt sich in der Gegend schon etwas aus. Es ist ein echt schöner Urlaub, aber zwischen uns passiert einfach nichts. Ich rücke beim fernschauen an ihn ran und habe das Gefühl er rückt weg. Okay, dann ist das vll nicht sein Ding. Vielleicht steht er auf was anderes. Aber auch meine Dessous oder Kuschelversuche bringen keinen Effekt. Ich hab mich noch nie so ungewollt gefühlt. Wir haben nach dem Urlaub ganz normal weiterhin Kontakt. Ich frage ihn irgendwann, warum er kein Interesse hatte. Seine Answort: du hättest mit der Hand nur weiter runter gehen sollen, als du mit dem Kopf auf meinem Oberkörper lagst. Dann hättest du gemerkt, wie sehr ich dich will. Ich hab die Tür zur Dusche jedes Mal offen gelassen, du hättest dazu kommen können. Okay, offenbar sind viele Frauen sehr viel dreister als ich oder hier lernen sich gerade zwei Menschen können, die ihr Leben lang vom anderen Geschlecht enttäuscht wurden und deshalb keinen ersten Schritt mehr machen. Failed again.
Und jetzt? Jetzt lerne ich mit Anfang 40, dass es keinen Mann interessiert, wie viel ich verdiene, was ich für einen Job habe, wie erfolgreich ich bin, wie viele Fremdsprachen ich kann oder an was für Projekten ich arbeite. Es ist egal, was ich mit meinem Leben gemacht habe, solange ich ihnen nicht das Gefühl von Wärme geben kann. Und dass es okay ist seine weiblichen Reize zu benutzen und ich bin wirklich schlecht darin 😅 Aber ich denke, es ist nie zu spät neu anzufangen. Go Baby girl
Und warum das Ganze? Weil ein Mensch damals gelacht hat, als ich unsicher war...