Mittwoch, 29. Juli 2026

Irgendwo im Nirgendwo oder eine neue Unlove story

Die ersten drei Tage danach sind die Schlimmsten. Man denkt dann immer, man hat sich doch geirrt. Aber eigentlich weiss man es schon. 


Wir treffen uns am Eingang des Parks. Umarmen uns zur Begrüßung. Er fängt gleich an zu Reden und damit hört er die nächsten Stunden auch nicht mehr auf. Er sieht wahnsinnig gut aus. Er redet über Singapur, Malaysia, Vietnam, wie gut er in seinem Job ist, wie toll seine Urlaube sind, was er alles erlebt hat und kann. Was er verdient, was der Chef noch als Bonus spendiert und wie wichtig er ist. Ich fühle mich klein und unbedeutend. So geht es mir immer, wenn mir jemand gefällt. Mir geht die Frage durch den Kopf: was will so jemand mit mir? Ich kann ihm einfach gar nichts bieten. 


Ich sitze am Schreibtisch und schaue in den Spiegel. Du bist es nicht wert, dass sich jemand für dich interessiert. Was kannst du schon? Den Wettstreit zwischen den Frauen, wer den besten Mann hat, gewinne ich nicht, weil ich auf allen sozialen Ebenen eine absolute Niete bin. Ich bringe auch nicht genug Geld nach Hause. Ich kann also bei den Großen ebenfalls nicht mitspielen. Irgendwie gibt mir das Minderwertigkeitskomplexe und ich hab das Bedürfnis mich immer wieder mit denen messen zu müssen in einem Spiel, dass ich nicht gewinnen kann. Ich hab halt keinen Schwanz. Es ist nicht so, dass ich nicht wüsste, dass ich etwas drauf habe. Es ist einfach so: in solchen Momenten löscht mein Gehirn die komplette Festplatte und der Reboot dauert Minimum 6 Monate. 


Du bist nicht dumm, flüstert er und das ist das erste Kompliment, über das ich mich ehrlich freue. Er hat mir alles erzählt. Wie hübsch ich bin, was für eine tolle Figur ich hab. Wie besonders meine Augen sind. Nichts davon hat mich irgendwie berührt. Ich würde mich gerne darüber freuen und das als Lockmittel ausspielen. Aber was soll ich denn tun? Ich sag nett danke und das wars. Das hab ich mir mittlerweile antrainiert. Manchmal beobachte ich andere Frauen, wie sie dann die Stimme senken und ihm sexy Danke entgegen hauchen. Wie sie den Kopf zur Seite fallen lassen, mit ihren Haaren spielen, lächeln und wie die Männer denen immer näher kommen, langsam, behutsam, aber bestimmt, während die Damen den world's greatest Augenaufschlag präsentieren. Ich mag diese oberflächlichen Sachen nicht. Ich kann das auch nicht. Ich mache solche Situationen durch dämliche Kommentare kaputt. Für mich klingt das alles wie eine Beleidigung. 


Du bist wunderschön, schreibt ein Bekannter. Du solltest niemals alleine sein. Dir sollten die Männer die Welt zu Füßen legen. Nun, die Realität sieht anders aus. Ich bin alleine. Nicht nur alleine. Ich bin richtig einsam. Manchmal ist in mir einfach nur Leere. Ich lerne jahrelang niemanden kennen. Damals, da bin ich losgelaufen und hab Menschen angesprochen, die ich toll fand. Ich hab gelächelt, ich hab getanzt, laut gesungen, aber ich bin trotzdem jedes Mal alleine nach Hause gegangen - ohne Nummer, ohne wiedersehen. Ohne Erfolgserlebnis. Über mich gibt es keine Geschichten, keine Gerüchte, nicht mal fiese Kommentare. Ich bin einfach egal. Niemand erinnert sich an mich. Und nichts ist schlimmer als anderen einfach nur gleichgültig zu sein. Ich werde nie zu jemandem sagen können: weisst du noch damals als wir... Auch meinen Partnern war ich egal. Es waren Zweckgemeinschaften. Keine großen Gefühle, kein Kribbeln, keine gemeinsamen Datenights. Ich möchte nur einmal in meinem Leben dieses Kribbeln mit gegenseitigem Interesse. Ich sollte damals nur einen Zweck erfüllen. Dem einen bot ich ein Zuhause, dem Nächsten baute ich die Firma auf, der letzte wollte unbedingt Kinder. Da hab ich die Notbremse gezogen. Seitdem bin ich alleine. In jeder dieser Beziehungen hab ich irgendwann gedacht: wenn er dich morgen fragt, ob du ihn heiraten willst... die Antwort war immer nein und dann war ich weg. Leise, ohne Aufruhr. Die Männer, die wirklich was mit mir gemacht haben.... die waren nie mit mir zusammen. Für die war ich nur ein nettes Spielzeug. 


Schade, schreibt er am nächsten Morgen und ich verstehe die Nachricht nicht. Ich hab mich auf "hoffe, du bist gut nach Hause gekommen" eingestellt. Nicht auf Schade.  Ich hätte sehr desinteressiert gewirkt. Als wenn da wirklich Null Komma Nichts gewesen wäre. Ich schlucke. In mir ist alles andere als gar nichts gewesen. Ich würde es eher mit krass, wow und omg beschreiben. Ich hätte am liebsten angefangen zu weinen. Aber ich hab mich gerade für die Arbeit fertig gemacht und da lächeln wir gleich wieder alle Probleme weg, während mir die Bearbeitung den letzten Nerv raubt. Schade... ja, schade, dass ich das nicht besser kann. Schade, dass du dich wieder weggedreht hast nachdem du mich geküsst hast. Schade, dass ich das nicht als Interesse deute, wenn man da mit verschränkten Armen sitzt. Schade, dass du mich nicht zu dir eingeladen hast. 


Ich kann mit Worten besser als mit Gefühlen. Also diskutiere ich das aus. Ich weiss mittlerweile, wie man sich Männer zurück holt. Was die gerne lesen. Es ist asozial, aber es funktioniert und du bettelst Samstag Abend, ob ich nicht doch vorbei kommen will. Ich drehe mich im Bett um und mache das Licht aus. Ich wünsche mir vor dem einschlafen immer mehr, dass du mich in den Arm nimmst. Aber ich frage nicht, ob du noch vorbei kommen willst. Das hat bei den letzten Versuchen nie geklappt. Warum sollte es bei dir klappen?


Es ist Sonntag Abend und ich sitze im Auto auf dem Weg zu ihm. Fuck it, hab ich mir gedacht, einfach probieren. Er hat den ganzen Nachmittag versucht mich herzubekommen. Es ist wieder eins dieser Selbstexperimente von mir Grenzen zu überwinden. Die heutige Grenze nennt sich wohl: mal nicht die uncoole, nervige Alte sein, die mit ihrem Moralvorstellungen jedem auf den Keks geht. Draussen ist es noch hell und ich halte an einem Parkplatz. Er hat mein Outfit ausgesucht. Ich trage eine schwarze Korsage und einen ziemlich kurzen Rock. Ich glaube der LKW Fahrer beobachtet mich neugierig, als ich den Pulli und die Hose ausziehe und das darunter zum Vorschein kommt. Was der jetzt wohl denkt? Ich hab Flashbacks. Der letzte Mann hat mich vor ein Paar Jahren am Genick gepackt und ins Bett gedrückt. Ich hatte Schmerzen und es endete blutig. Seitdem mochte ich niemandem mehr näher kommen und ich glaube meine Angst vor Männern ist noch mehr gewachsen. Ich überlege kurz. Es ist ein anderer Mann, du darfst deine schlechten Erfahrungen nicht auf ihn projizieren. Und dann ziehe ich auch noch den String runter...


Ich fahre die letzte Viertelstunde an Windrädern, Feldern und Büschen vorbei. Es geht über viel zu kleine Brücken und ich überlege bei jeder Abbiegung, ob das hier wirklich eine gute Idee war. Nach dem Nirwana geht es noch ein Stück weiter. Dann bin ich da. Plötzlich steht im irgendwo im Nirgendwo eine Gaststätte. Er öffnet das Tor zum Biergarten und ich laufe dann vor ihm eine Treppe hoch. Die Bude ist eng und alt. Seiner Mum gehört die Gastro darunter. Oben ist alles vollgestopft. Halleluja, denke ich, wieder so ne "Studentenbude". Er macht kein Licht an und ich habe Probleme mich zu orientieren in dem unbekannten Bereich. Ich trotte ihm daher vorsichtig nach.


Wir reden nicht viel. Dann küsst er mich. Er ist Anfang Dreißig, hat tolle trainierte Arme. Ich mag sein Bäuchlein. Er hat strahlende Augen, ein wunderschönes Lächeln. Ich würde gerne in seinen Haaren rumwuscheln und ich mag am meisten die intelligenten Dinge, die aus seinem Mund kommen. Der steckt gerade einfach so eine ganze Menge Kerle mit links in die Tasche und in mir kommen wieder die Zweifel, ob ich genüge. Es ist jedes Mal das gleiche. Jedes Mal, wenn ich so ein verdammtes Glück habe, mache ich mich so klein. Ich denke an die letzte Woche zurück. Da bin ich alleine im Meeting aufgestanden gegen die anderen Keeuser, gegen die anderen Firmen und gegen die Projektleitung. Als einzige Frau in der Position und ich hab das Ding gewonnen. Also wo zur Hölle ist dieser Ehrgeiz, dieser Enthusiasmus, dieses Verlangen nach mehr, der Kampfgeist jetzt? 


Vor ner Woche hat er meine Story geliked. Dann hat er gefragt, wie es mir geht. Ich guck mir den schon ne ganze Weile an, aber hab mich nicht getraut zu schreiben. Feige... mich gibt es offenbar in zwei Versionen. Krass, sagt meine SAP-Beraterin, wie M. da einfach vor sich hin gemurmelt hat und du einfach sagtest: nein machen wir nicht, ist dein Problem. Nicht meins und er sich einfach nicht getraut hat zu widersprechen. Wahnsinn, sagt eine andere Beraterin. Wie du dich traust auch alleine gegen die Projektleitung zu gehen und deinen Standpunkt vertrittst. Ganz großes Kompliment. Du bist mein Beispiel, wenn jemand meiner anderen Kunden fragt, wie eine Teilprojektleitung sein soll. Und jetzt? Jetzt stehe ich da mit meinem anderen ich. Nimm mich, will ich jetzt sagen, aber es kommt kein Ton raus. 


Er legt sich aufs Bett. Dieses Zimmer hat kein Sofa. Keine weitere Sitzgelegenheit. Nur das Bett. Ich überbrücke die Zeit, in der ich mich im Zimmer umsehe mit sinnlosem Gerede über nichts. Ob ich für ihn kochen würde, fragt er. Klar, sage ich und bereue dann die Antwort auch direkt. Er kocht selber gerne. Ich weiss, dass alles, was ich irgendwie hinkriegen könnte nicht annähernd an das kommt, was er mir vor ein paar Tagen ganz stolz auf Fotos gezeigt hat. Vermutlich ist das der Schlüssel zu seinem Herzen. Sei nackt und bring essen mit, hat er mir vor ein paar Tagen geschrieben. Ich weiss, wie der Schlüssel aussehen muss, aber ich habe nur einen Chip und der öffnet das Tor nicht.  


Wir küssen uns wieder und ich setze mich auf seinem Schoß. Genieß es, denke ich, bevor er mir den Kopf ausschaltet. Er gibt mir ein sehr gutes Gefühl. Die Zweifel sind weg. Der Konkurrenzkampf ist vergessen. Da ist nur noch Bewunderung. Unendliche Blicke in seine Kulleraugen und absolutes Genießen der schwächere Part zu sein. Kontrolle abzugeben. Unterlegen zu sein, als er die Hände um meinen Hals legt und ich mich an seinen starken Oberarmen festhalte. Als ich wieder klare Gedanken fassen kann, finde ich mich zitternd in seinem Arm. Er redet wieder. Er erzählt mir sein komplettes Leben. Er redet von wir. Gibt mir Kosenamen. Ich hab eine Wette gewonnen. Er möchte mich deshalb zum Essen einladen. Du kannst etwas wundervolles. Du sorgt dafür, dass ich mich bei dir gesehen fühle. Das hab ich einmal vor vielen Jahren gehabt und seitdem verzweifelt gesucht. 


Es ist schon spät und ich muss noch knapp eine Stunde nach Hause. Wieder durchs irgendwo im Nirgendwo. Du knuddelst mich ganz lange zum Abschied. Ich soll mich melden, wenn ich Zuhause bin. Aber mich nicht wundern, wenn er nicht mehr antworte. Vermutlich schläft er dann schon. Ich bin gegen Mitternacht zuhause. Morgen in der Arbeit wird es schlimm. Aber das war es wert. 


Am Montag löscht Du eine Nachricht. Ich konnte nicht sehen, was du geschrieben hast. Huch, falscher Chat, schreibst du. Guten Morgen. Dann lese ich nichts mehr von dir. Ich antworte noch mit guten Morgen. Die Nachricht bleibt bis zum Abend ungelesen. Ja, du hast gesagt nächste Woche wird stressig. Ich schicke Abends noch ein Foto. Am nächsten Tag werden die Sachen nachmittags endlich angeschaut. Eine Antwort bleibt aus. 


Ich schaue in den Spiegel. Ich sehe die Augenringe der letzten Tage. Ich habe wenig geschlafen. Viel nachgedacht. Ich bin sauer auf mich selbst. Scheiß Doubletexting. Wenn ich die Brille abnehme, sehe ich nicht ganz so fertig aus. Es ist Tag x plus 3. In deiner Instagramstory ziehst du ein trauriges Gesicht um dann das Bild zu drehen und in die strahlende Sonne und glänzendes Wasser zu halten. Es glitzert fast. Das ist deine Sicht. Ich schaue in ein trauriges Gesicht. Du schaust mein Stories nicht mehr. Vermutlich bin ich schon auf stumm gestellt. Vermutlich ist die Handynummer schon gelöscht. Ist krass, was ein nettes Lächeln und ein bisschen Wärme für Drama in meinem Kopf verursachen. Bei jedem Vibrieren am Handgelenk schaue ich panisch auf die Uhr. Keine Nachricht von dir. Deine gelöschte Nachricht macht das Kopfkino perfekt. Du hast zwei Bettdecken gehabt. Gibt es da vielleicht schon eine andere Frau?


Ich muss mich langsam mit dem Gedanken anfreunden, dass da nichts mehr kommt. Es wird noch etwas dauern bis das ständige aufs Handy schauen aufhört und vermutlich wieder Wochen bis ich aus meinen Minderwertigkeitskomplexen komme. Es wird dauern bis ich meine Gedanken irgendwo im Nirgendwo eingesammelt habe und feststelle, dass man nicht perfekt sein muss um gemocht zu werden. Und bis dahin versuche ich wieder Perfektion zu erreichen. 


Und wenn ich dann soweit bin, meldest du dich voraussichtlich in 6 Monaten. Dann sehen wir, wie gut meine Generalüberholung funktioniert hat oder wie oft ich bei dir auf die Fresse fallen muss bis ich verstehe, dass du nur mit mir spielst und das "wir" nie geplant war. ARSCHLOCH, schreibt meine Freundin als ich ihr erzähle, dass da nichts mehr kommt. Ich fühle nichts. Ich habs irgendwie erwartet. Exakt so. Was soll er schon an mir finden? Ich bin wie paralisiert. Es ist ein Teufelskreis, der sich immer wiederholt. 


Ich denke an die letzte Woche und dass es Menschen gibt, die immer so einen bezaubernden Menschen in Ihrer Nähe haben. Muss das krass sein...